Ein schönes Dach für edle Häupter - Aus der WAZ

Ein schönes Dach für edle Häupter - Aus der WAZ

Ein schönes Dach für edle Häupter - Aus der WAZ

Ein schönes Dach für edle Häupter    

Edle Griffe, vollendetes Design: Von Rainer Gramke werden schlichte Schirme für Staatsoberhäupter geliefert ebenso wie Extravagantes. WAZ-Bild: Marco Stepniak

So viel regnet es bei uns nun auch wieder nicht, dass jährlich 20 Millionen Schirme weggeschmissen werden müssten. Doch sie sind ja nichts wert. Rainer Gramke ist einer der letzten, der Schirme entwirft, produziert und vertreibt für 100, 200, ja 500 Euro - übrigens eine ziemlich gute Erinnerungsstütze, sie nicht im Lokal zu vergessen.

In der Westminster Abbey in London erinnert eine Gedenktafel daran, dass Jonas Hanway (1712 bis 1786) ein guter Mensch war. Für Findelkinder setzte er sich ein und für Huren, aber dass die Menschheit ihm den Sprung auf eine höhere Ebene der Zivilisation verdankt, das steht da nicht.

Hanway, natürlich ein einschlägig geplagter Engländer, erkannte nämlich, dass ein Schirm nicht nur vor Sonne schützen kann, sondern auch vor Regen, und machte aus ihm durch geringfügige Umkonstruktionen - man muss halt nur drauf kommen - den unentbehrlichen Begleiter des englischen Gentleman. Die Herkunft des Schirms aus dem Sonnenschutz erkennt man übrigens noch im englischen Wort "umbrella" ("kleiner Schatten", vom lateinischen "umbra", "Schatten").

In den auf Hanway folgenden 200 Jahren ging der tragbare Schirm als Sonnenschirm in Europa praktisch verloren, doch in seiner Unterart als Regenschirm nahm er den Weg fast jedes Produkts: Einst ein Zeichen von Herrschaft, Wohlstand und Größe, wurde er immer einfacher zu handhaben, immer billiger und immer mehr Allgemeingut; heute ist der gemeine Kaufhaus-Schirm Chinese. "Heutzutage sind Schirme Massenware, Werbegeschenke, Wegwerfartikel, bei Rossmann kriegen sie sie für 2 Euro 50", sagt Gramke. Bei Gramke können sie auch das Zwanzig-, Fünfzig-, Hundertfache kosten.

Der aus Hamburg stammende Bremer übernahm 1980 mit seiner Frau Dorrit Gramke das Fachgeschäft "Schirm Oertel", das damals schon auf 90 Jahre Firmengeschichte zurückblicken konnte. Er handelt mit Designerschirmen aus aller Welt und bringt zudem eigene Kollektionen ("Oertel handmade") auf den Markt, die eine kleine Manufaktur in Mailand ihm baut. Daran sind dann eventuell Griffe aus kanadischem Ahorn, Perlbambus oder Malacca-Rohr; die Stöcke können ein durchgehendes Stück sein, wie gewachsen, monatelang erhitzt und eingebunden, bis sie sich krümmen; Taschenuhr oder Pillendose, Kompass oder Uhr können integriert werden; die Stoffe sind in der Regel teflonbeschichtete Krawattenstoffe. Im Extremfall reine Seide. 500 Euro. Und die Knöpfe Perlmutt. Dann aber handgenäht.

Das sieht alles nicht nur ziemlich gut aus, das hält auch lange und wird so gut wie nie vergessen: "Verlustangst hat eine enorm anregende Wirkung auf die Gedächtnisleistung", sagt Gramke. Solch einen Schirm kauft natürlich niemand, den Geiz geil macht. Das Geschäft des 65-Jährigen liegt in der Sögestraße, Bremens erster Adresse, Bremens teuerster Lage. Zu seiner Kundschaft zählen die ältesten bremischen Familien, für die Oertel ein Muss ist; auch kaufen hier der Hamburger Senat, das Bundespräsidialamt und diverse Ministerien: Etliche Staatsgäste der Bundesrepublik wurden schon von Bremen aus beschirmt.

Das ist gut für die Reputation, bringt aber keine Stückzahlen; nein, Gramkes Rettung ("Für ein Geschäft wie dieses ist auch Bremen zu klein"), Gramkes Rettung war das Internet. Seitdem er dort auf Deutsch und auf Englisch präsent ist, handelt er weltweit; zwei Tage, nachdem er die englische Seite ins Netz stellte, kam die erste Bestellung. Eine Bestellung aus Taiwan, über einen Schirm von 181 Euro. "Aus Taiwan bekäme der Kunde einen Schirm für 70 Cent", sagt Gramke. Aber nicht so einen . . . Rolls-Royce von Schirm.

Abgesehen von den Materialien, abgesehen von der ganzen Handarbeit und den preistreibenden Designer-Namen; abgesehen von all dem, gibt es aber auch ein einfaches Konstruktionsmerkmal, das gute Schirme von durchschnittlichen unterscheidet. "Gute Schirme haben ein rundes Dach, die Massenware ist flach geschnitten", sagt Gramke, "einen guten Schirm können Sie direkt über Ihren Kopf halten. Mit einem Billigschirm sehen Sie niemandem. Sie gehen dem Schirm immer hinterher." Am besten zur Tonne.

Hubert Wolf.

16 years ago